Vom Tanzengehen, Kohlenklauen und einem goldenen Ford Granada

Erzählcafé über Kindheit und Jugend im Schützenblock

Bettina Prieß vom ASB (rechts), die Journalistin Bärbel Wegner (3. von rechts) und die Teilnehmerinnen (Inge Blöcker, Renate Dreßler, Helga Hahn, Ursula Papendorf, Edith Scheuringer, Lilo Schmidt, Irma Schrader, Christa Stennull) des Erzählcafés.

Erzählcafé über Kindheit und Jugend im Schützenblock

Die altoba hatte im April 2016 gemeinsam mit Bettina Prieß vom Arbeiter-Samariter-Bund zu einem Erzählcafé für ältere Mitglieder in den Nachbarschaftstreff im Schützenblock eingeladen. Die Teilnehmerinnen wohnen seit vielen Jahrzehnten im Bezirk Altona. Moderiert und notiert wurde das Erzählcafé von der Journalistin Bärbel Wegner.

Inge Blöcker und Ursula Papendorf erinnern sich an die Zeit, als bei Essig-Kühne gegenüber vom Schützenblock noch produziert wurde und ein Bier im Schützeneck 40 Pfennig kostete. Sie sind alte Freundinnen. „Wir gehen seit 50 Jahren zusammen kegeln.“ Kennengelernt haben sie sich in Bruhnskoppel, dem früheren Erholungsheim des Altonaer Spar- und Bauvereins in Ostholstein, wo viele Mitglieder ihren Urlaub verbrachten.

Bei Kaffee und Kuchen lassen sich die Teilnehmerinnen nicht lange bitten. Schnell kommen sie ins Erzählen und tauschen Erinnerungen an damals aus. Wo sie früher gewohnt haben, wie sie zu ihrer Wohnung gekommen sind und natürlich, wie anders es im Bezirk Altona früher aussah. Es ging unter anderem darum, wie die Kriegszeit erlebt wurde, aber auch, wohin man tanzen ging, und wo man ein Bier oder einen Kaffee trank.

Wenn man in Erinnerungen schwelgt, wechseln sich Bilder von schönen und schlechten Erlebnissen ab. Helga Hahn erzählt, wie gern sie in Lurup „bei Erhard“ tanzen ging. „Ach ja, der Tanztee im Forsthaus in Bahrenfeld sonntags um 15 Uhr war schön“, schwärmt auch Inge Blöcker. Und unvermittelt landen die Damen beim Männerthema „Auto“. Aber es geht nicht um PS, sondern um die ästhetische Seite des Autofahrens. Der goldfarbene Ford Granada, das erste Auto der Familie Papendorf, sei damals von allen bestaunt worden.

Tief im Gedächtnis eingebrannt sind die Erinnerungen an die Kriegsjahre. Damals waren sie alle noch Kinder. 1945 wurde große Teile des Bezirks Altona durch Bombenangriffe stark zerstört. Einige Häuser im Bessemerweg seien nur noch Ruinen gewesen, erzählen sie. Für die Kinder ein bizarrer Ort zum Spielen. Sie seien oft in den zerbombten Kellern gewesen; niemand hätte sich Sorgen um Einsturzgefahr gemacht. Und aus einem Bombentrichter, der sich mit Wasser gefüllt hatte, hätten sie Stichlinge gefischt.

Die 81-jährige Karla Reher, die seit über 70 Jahren bei der Genossenschaft wohnt und im Schützenblock aufgewachsen ist, berichtet anschaulich von der harten Zeit direkt nach dem Krieg. Viele Familien hätten damals hungern müssen, und nicht wenige hätten Kohlköpfe und Kohlen geklaut. „Ein Nachbarsjunge, er war erst 12 Jahre alt, kam beim Kohlenklauen ums Leben.“  Auch Helga Hahn, heute 85 Jahre alt, erzählt vom Kohlenklauen. Sie sei dabei erwischt und von der Polizei verprügelt worden.

Alles war knapp damals. Karla Reher erinnert die Runde an die langen Schlangen „beim Bäcker Hansen“. Einen Tag im Jahre 1947 kann sie bis heute nicht vergessen. Sie hatte endlos lang anstehen müssen und als sie endlich an der Reihe war – da waren die Regale leer. Und erst die Sorgen um die Lebensmittelmarken. Zu dem Thema kennt jede eine Geschichte, und manchmal müssen sie heute sogar darüber lachen. „Ein halbes Ei stand mir zu“, erinnert sich eine Teilnehmerin. Aber wie teilt man ein Ei?

Immer wieder ist die Nachbarschaft ein Thema – Nachbarschaften früher und heute. Der Nachmittag ist viel zu kurz, um alle Gedanken einzufangen. Deutlich wird, dass die Seniorinnen gute Erinnerungen daran haben und häufig auch heute gute Nachbarschaft erleben. Ursula Papenburg erzählt, dass sie mit ihrer Nachbarin gemeinsam in den Urlaub gefahren sei. Die Hausgemeinschaft im Bessemerstieg 11 war ein Musterbeispiel an Toleranz und Gleichmut: „Jeden Freitag übte ein Gesangverein im Haus, ein bis zwei Stunden lang, mit Schifferklavier-Begleitung.“ Doch das sei für die Nachbarn kein Problem gewesen. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie ihr Kind bei der Nachbarin abgeben konnte, wenn sie ihren Mann im Krankenhaus besuchte. Damals war die Besuchszeit streng geregelt: „Nur mittwochs und sonntags, von 14 bis 16 Uhr!“ Die Nachbarschaft sei früher anders gewesen; in der Erinnerung komme sie einem besser vor als heute.

So schön die Kindheitserinnerungen auch sind, es war eine strengere Zeit als heute – besonders für Kinder. Karla Reher erinnert an die vielen Verbote. Das Betreten des Rasens hinter dem Haus war verboten. Heute dürfen die Kinder dort selbstverständlich spielen. Als kleines Mädchen fand sie besonders schlimm, dass sie nicht einmal ihre Puppen auf den Rasen setzen durfte. Das gab sofort Ärger, nicht zuletzt, weil einige Nachbarn in den 1950er-Jahren aufgepasst hätten wie die Schießhunde. Selbst wenn Jugendliche nachts auf dem Nachhauseweg mal quer über den Rasen nach Hause gingen, konnte es passieren, dass ein Nachbar sie dabei beobachtete und lautstark Ärger machte. Im Woyrschweg sei das geschehen, erinnert eine Teilnehmerin die Anekdote.

Je mehr man den Erinnerungen freien Lauf lässt, desto mehr Schlagworte werden laut. Und plötzlich kommt man aufs Thema Pferd. In ihrer Kindheit habe es noch viele Pferde im Bezirk Altona gegeben. Ein Onkel von Karla Reher, Heinrich Reichardt, war Schmied in einer Schmiede am „Neuen Pferdemarkt“ in St. Pauli. Er habe noch 1972 Arbeitspferde beschlagen, erinnert sie sich. Auch einen Sattlereibetrieb habe es noch lange Zeit in der Nähe gegeben. Und dann die vielen Pferdeschlachter. Pferdefleisch zu essen war in den 1950er-Jahren nicht unnormal.

Und dann ist Schluss für heute. Es war schön, sich zu treffen und an die alten Zeiten zu erinnern.

Möchten Sie auch ein Erzählcafé in Ihrer Nachbarschaft anregen? Die Genossenschaft spendiert Kaffee und Kuchen und organisiert das gern. Stephanie Gundelach aus der Abteilung Kommunikation und Soziales freut sich über Ihren Anruf unter 040/38 90 10-192.

Erzählcafés bei der altoba

Ein Erzählcafé ist eine ganz besondere Form des Erinnerns, die sich mit den seit den 1980er gegründeten Geschichtswerkstätten in den 1980er Jahren durchsetzte. Die „Oral History“ (die mündliche Geschichte) sammelt Berichte von Zeitzeugen, die so besondere Wertschätzung erfahren. Die traditionelle Geschichtswissenschaft hatte sie bis dahin weitgehend vernachlässigt. Nicht zuletzt, weil Erinnerungen trügerisch sind. Das menschliche Gedächtnis arbeitet selektiv; vieles hat man vergessen, anderes erinnert man lückenhaft oder sogar falsch. Fakten und Zahlen müssen hinterfragt werden. Aber das schmälert nicht den Wert persönlicher Geschichten. Werden sie nicht gesammelt, gehen sie verloren.

Die altoba und etliche ihrer Mitglieder haben 2011 und 2012 im Rahmen des Geschichtsprojektes „altoba forscht“ bereits Erfahrungen mit Erzählcafés gemacht – durchgeführt in Kooperation mit dem Stadtteilarchiv Ottensen im Hinblick auf das 120-jährige Bestehen der Genossenschaft im Jahr 2012.

2012 gelangten die Ergebnisse dieser Erzählcafés sogar bis ins Altonaer Museum und wurden in die Ausstellung „Bei uns nebenan. Bauen und Wohnen in Altona“ zum 120jährigen Bestehen der altoba eingebaut. Dort konnte man die Berichte der Mitglieder hören und lesen. Auch im Buch „Eine Genossenschaft und ihre Stadt. Die Geschichte des Altonaer Spar- und Bauvereins“ finden sich Auszüge aus diesen Interviews.